Studentische Interessensvertretung - ein historischer Abriss
Obwohl die Studierenden die größte Gruppe an der Uni bilden,
haben sie nur wenige Möglichkeiten der Mitgestaltung.
1977 wurden in Bayern und Baden-Württemberg (=Bayern light) durch die Abschaffung der Verfaßten Studierendenschaft (VS) die Mitsprachemöglichkeiten der StudentInnen auf ein absolutes Minimum reduziert.
Studentische VertreterInnen dürfen sich offiziell nur noch zu kulturellen,
sozialen und sportlichen Belangen äußern und sind nicht nur finanziell auf die Gnade der Hochschulleitung angewiesen.
Wie alles anfing
Erstmals wurde die Verfaßte Studentenschaft (VS) nach dem 1. Weltkrieg
1920 eingefürt, nachdem sich während der Novemberrevolution 1918 neben
Arbeiter- und Soldatenräten auch Studentenräte gebildet hatten. Schon
im Kaiserreich war die VS im Gespräch gewesen, konnte aber wegen des
1. Weltkrieges nicht entstehen. Die Einflußmöglichkeiten der
Studierenden sollte verbessert werden und es sollte ihnen die
Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu helfen. Eine der größten
Taten waren dann Anfang der 20er Jahre die Gründungen der
Studentenwerke durch die ASten (AStA=Allgemeiner Studierendenausschuß)
unter deren jeweiliger Kontrolle.
In den kommenden Jahren wurden die Hochschulen zunehmend von
Burschenschaften geprägt und in der Verfaßten Studentenschaft wurden
nur nationalsozialistisch geprägte ASten aufgenommen. Es gab natürlich
auch gegenläufige politische Bewegungen an den Hochschulen, wie
z.B. Weiße Rose. 1933 haben die Nazis alle Organisationen wie
Gewerkschaften und Parteien liquidiert. Da auch die Verfaßte
Studentenschaft eine eigenständige Organisation war, wurde sie
aufgelöst und die ASten stattdessen direkt auf Volk, Staat und NSDAP.
eingeschworen.
Demokratie nach 1945
1945 wurden an allen (westdeutschen) Hochschulen demokratisch
organisierte StudentInnenschaften eingerichtet. Der studentischen
Jugend sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich politisch zu
betätigen, im Sinne der demokratischen Neuordnung der Hochschulen. In
der Folgezeit entwickelten StudentInnenschaften eine rege politische
Tätigkeit. Es gab Stellungnahmen zu verschiedenen Themen aus der
Deutschland- oder Europapolitik und zur Situation in den
osteuropäischen Ländern.
Dies wurde von ProfessorInnen nicht nur geduldet, sondern
unterstützt. Erst als sich die StudentInnenschaften weiter
politisierten und es z.B. Beschlüsse gegen den Vietnamkrieg und die
Notstandsgesetze gab, geriet die Verfaßte Studierendenschaft zunehmend
ins Zentrum der Kritik konservativer ProfessorInnen und
PolitikerInnen.
Ein Hauptanliegen der sozialliberalen Bundesregierung 1969 war eine
umfassende Hochschul- und Bildungsreform. Das Studium wurde nicht mehr
nur als Durchgangsstation zum Berufsleben aufgefaßt, sondern als
eigenständiger Lebensabschnitt aufgefaßt. Allen Beteiligten sollte
ermöglicht werden, gleichberechtigt auf demokratischem Wege
mitzuwirken. Dazu sollte ein Hochschulrahmengesetz entwickelt
werden. Als dieses Gesetz 1977 verabschiedet wurde, hatten sich die
Kräfteverhältnisse im Bundesrat zur konservativen Seite hin
verschoben, sodaß nur noch ein Kompromiß herauskam. Entgegen der
ursprünglichen Planung wurde für die Verfaßte Studierendenschaft im
§41 des Hochschulrahmengesetzen aus der Muß- eine Kann-Bestimmung.
Hegemonie ab 1977
Die CDU-Landesregierung unter dem damaligen Ministerpräsident
Filbinger ließ sich die Chance, die sich durch das neue
Hochschulrahmengesetz bot, nicht nehmen. Bei der Anpaßung des
Universitätsgesetzes, welches auf Landesebene beschlossen wird, an das
Hochschulrahmengesetz wurde -trotz massiver öffentlicher Proteste und
einer Großdemonstration, zu der alle Studierendenverbände außer dem
RCDS aufgerufen hatten- die Verfaßte Studierendenschaft
abgeschafft. Dazu heißt es im §139 des Universitätsgesetzes: Die
Studentenschaft als Gliedkörperschaft der Universität wird
aufgehoben. Ihr Vermögen fällt an die Universität. An den
Universitäten sollte wieder Ruhe einkehren (der terroristische Sumpf
soll ausgetrocknet werden - Filbinger). Liberale und linke ASten paßten
der Landesregierung nicht ins Konzept. Legendär ist noch ein Zitat von
Filbinger: Wenn es uns gelänge, mit dem RCDS, der Jungen
Union oder der Schüler-Union die ASten zu besetzen, wäre die Lage anders.
Die Abschaffung der VS hatte in Baden-Württemberg recht
unterschiedliche Konsequenzen. In Karlsruhe wurde, wie an einigen
anderen Hochschulen auch, eine Unabhängige Studierendenschaft
gegründet, die im wesentlichen die Aufgaben der alten VS übernahm. In Karlsruhe wurde auch die demokratische Struktur der
VS übernommen (die Wahlen im Wintersemester!!).
Alle eingeschriebenen Studierenden sind Mitglieder der Unabhängigen
Studierendenschaft und haben aktives wie passives Wahlrecht.
Finanziert wird die Unabhängige Studierendenschaft
durch den Verkauf von Beitragsmarken, die Du in Deiner Fachschaft oder
im UStA-Büro kaufst.
Der faule Kompromiß
Die völlige Abschaffung aller studentischen Vertretungen erwies sich
als unmöglich durchsetzbar. Also wurde ein fauler Kompromiß gefunden:
Es gibt studentische VertreterInnen in den offiziellen Gremien der
Universität, aber in so geringer Anzahl, daß sie keinen "Schaden"
anrichten können.
Die studentischen Mitglieder in Senat und Großem Senat sollten
zukünftig den AStA bilden. Dieser eingeschränkte AStA untersteht aber
der Universität und damit dem Kultusministerium und besitzt nur das
Recht, soziale, kulturelle und sportliche Belange der Studierenden zu
fördern.
Dieser AStA besitzt weder Finanzautonomie noch ein politisches
Mandat. Dieses Mandat gäbe ihm das Recht, gegenüber Staat und
Gesellschaft die (politischen) Interessen der Studierenden zu
vertreten. Ziel von Hochschulpolitik ist es, das Studium zu
verbessern, sowohl in inhaltlicher sowie materieller Sicht. Die
Behauptung damit im Sinne der Gesellschaft zu handeln scheint nur auf
dem ersten Blick vermessen. Die soziale Stellung der Studierenden gibt
uns die Möglichkeit frei von Zwängen zu denken, wie kaum eine andere
Bevölkerungsschicht, vielleicht mit Ausnahme der Künstler. Damit soll
nicht gesagt sein, daß wir und nur wir das richtige Rezept zur Lösung
von Problemen hätten, aber wir haben eine große Chance zu finden,
woran andere nicht zu denken wagen.
Und deshalb gibt es in Karlsruhe das Unabhängige Modell!!
Weiterlesen: Das unabhängige Modell
© 2002 UStA der Uni Karlsruhe
Letzte Änderung: 09.10.2002
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